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Nichts ist, wie es scheint, und alles hat seinen eigenen Klang
FOTOFESTIVAL: Der Portugiese Sancho Silva verblüfft im Heidelberger Kunstverein mit einem Holzkasten, in dem er unsere Sehgewohnheiten unterläuft
Von unserer Mitarbeiterin Susanne Kaeppele
Zu den Hauptqualitäten des diesjährigen Fotofestivals gehört, dass Kurator Christoph Tannert Randbereiche der Fotografie ausleuchtet, nicht nur mit dem bewegten Bild, sprich Video, sondern auch durch die Auswahl spezieller Künstler wie Sancho Silva. Der Portugiese beschäftigt sich nämlich in erster Linie mit skulpturalen Projekten, die das Sehen und Wahrnehmen zum Thema haben und dabei das Medium Fotografie neben anderen mitbenutzen.
Der 1973 in Lissabon geborene Künstler ist einer der heutigen Kunstnomaden: Seine künstlerische Ausbildung begann er an der ARCO Schule für Kunst und visuelle Kommunikation in Lissabon, nahm dann am MFA Programm des Pratt Institute in New York teil und war Stipendiat im Künstlerhaus Bethanien in Berlin. Von dort brachte ihn Tannert, Leiter des Künstlerhauses, mit zum hiesigen Fotofestival.
Diese teilweise rätselhaften, teils popartigen Bilder hat sie dann - der konzeptuelle Kern des ganzen Projekts - interessierten, ihr vorher unbekannten Mitmenschen mit nach Hause gegeben und sie gebeten, eine Woche in ihrer häuslichen Umgebung mit den Gemälden zu leben. Danach hat sie das "Asyl" ihrer Bilder fotografiert und ein Interview geführt mit den "Herbergseltern" über die Auswirkungen dieser Verschickung. Da einige der Bilder sehr brutal waren (Folterung in Guantánamo etwa), beeinflussten sie den Alltag der vorübergehenden Besitzer wesentlich und deren Überlegungen zu Bild, Medium oder Kontext gingen dann auch in ihre Abschlussarbeit des Kunsttherapiestudiums ein. Aber schon zuvor hatte die 31 Jahre alte Malerin konzeptuelle Projekte angeleiert: etwa 2005 die "Hundeheimat". Sie ersteigerte bei Ebay schauerlich-kitischige Landschaftsbilder, mal mit Bergen und Rehen, mal mit Wasserfällen.
Aber - und das ist wichtig für die Arbeit des Portugiesen - Silva hat auch Mathematik und Philosophie studiert. So verwundert es nicht, dass er als intelligenter Grenzgänger zwischen den Medien und den Wissenschaften, der Kunst und der Fotografie unterwegs ist. Markant sind die Materialien, die er verwendet, um Illusion physisch erfahrbar zu machen.
So baute er etwa für die "manifesta 4" in Frankfurt 2002 einen "Bunker" aus Sperrholz auf, in dem man aus schmalen Sehschlitzen unbemerkt Personen beobachten konnte, die außen vorbei liefen. Aber schon nach kurzer Zeit geriet der Schlitz zu schmal, wollte man mehr sehen, wurde die Einschränkung erfahrbar, die man der unbemerkten Teilhabe verdankt. Silva baut Korridore und Kammern, die die Ausstellungsräume verändern, oder operiert mit riesigen Sehgeräten (Künstlerhaus Bethania), die einen Blick auf die Randzonen der Berliner Stadttopografie gestatten.
Auch hier im Garten des Heidelberger Kunstvereins steht eine Box aus Sperrholz, hurtig, aber passgenau zusammengezimmert, in zwei Räume unterteilt, in denen jeweils ein Arbeitsplatz eingerichtet ist, nur getrennt durch eine durchscheinende Plastikplane. Durch Sehschlitze kommt zudem natürliches Licht in den Raum und fällt auf ein Großfoto Heidelbergs, aus dem die Hauptsehenswürdigkeiten (Schloss, Alte Brücke, Heiliggeistkirche) ausgeschnitten wurden. Auf dem Tisch im Nebenraum liegen die herausgeschnittenen Teile und thematisieren so geschickt Realität und Illusion, Blickwinkel und Wahrheit. Ob mit Periskop, Tunnel oder Sehschlitzen, Silva operiert mit allen optischen Möglichkeiten, um sich Themen strategisch anzunähern. Dabei bemüht er genauso die Täuschung wie die Aufdeckung des Sichtbaren.

Mannheimer Morgen, 10. Oktober 2007
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